Niemand fühlte sich verantwortlich, keiner hat es so gewollt.

Arthur Thaler

Geburtsdatum 15.3.1894
Geburtsort Greifenburg
Todesdatum 2.1.1945
Todesort Seefeld

Arthur Thaler wuchs als Sohn des Besitzers und Landwirtes Peter Thaler in Waisach bei Greifenburg auf, der im Jahr 1890 durch einen Lotteriegewinn zu großem Reichtum gelangt war. Als der Vater im Jahr 1920 überraschend starb, erbte Arthur Thaler einen ansehnlichen landwirtschaftlichen Besitz, war aber für die Führung des Betriebes und der zahlreichen Beschäftigten nicht ausgebildet. Der Konflikt rund um Arthur Thaler begann, als das Anerbengericht Greifenburg im Jänner 1942 auf seinem landwirtschaftlichen Besitz einen Treuhänder einsetzte. Durch den Beschluss wurden dem 48-Jährigen die Verwaltung, die Nutzung und die Verfügung des Besitzes entzogen. Die Wirtschaftsführung übergab das Gericht dem Treuhänder Sch. aus der Unterkärntner Gemeinde Tigring. Sch. war Mitglied der NSDAP, kommissarischer Ortsgruppenleiter und Bürgermeister von Tigring.

Der Grund für den Beschluss war die festgestellte schlechte wirtschaftliche Führung des ursprünglich sehr ansehnlichen Betriebes. Nun könnte man meinen, dies sei die Sache des Bauern. Doch die Führung eines Bauernhofes war längst nicht mehr nur seine Angelegenheit. Die landwirtschaftlichen Betriebe waren zu diesem Zeitpunkt bereits in die NS-Kriegsernährungswirtschaft eingebunden. Die ertragreiche Bewirtschaftung der Bauernhöfe war Teil der Kriegsplanung. Die Ablieferung vorgeschriebener Mengen an Lebensmitteln sollte die Ernährung der Bevölkerung während des Krieges sicherstellen. Eine bedeutende Kontrollinstanz waren die „Anerbengerichte“, die aus einem Richter, einem örtlichen „Erbhofbauern“, dem Ortsbauernführer und dem NSDAP-Ortsgruppenleiter zusammen gesetzt waren. Sie verfügten über einen erheblichen Spielraum im Umgang mit den Landwirten, was in manchen Fällen zugunsten der Bauern, in anderen zu ihren Ungunsten geriet.

Arthur Thaler fand sich nach der Entscheidung des Anerbengerichts Greifenburg plötzlich in der Rolle eines rechtlosen Knechtes wieder, der den Treuhänder um jeden Groschen anbetteln musste. Er begann sich in der Folge durch unangepasstes und widerstrebendes Verhalten gegen die Maßnahme des Anerbengerichtes zu wehren und versuchte, den Treuhänder wieder loszuwerden. Der Treuhänder behandelte ihn entsprechend schlecht, abfällig und schikanös. Es kam zwischen den beiden zu schweren Auseinandersetzungen, bei denen Arthur Thaler zuletzt im September 1944 vom Treuhänder blutig geschlagen wurde.

Beschwerden von Arthur Thaler beim Ortsgruppenleiter fruchteten nichts, im Gegenteil, dieser stand als strammer Nationalsozialist eindeutig auf der Seite des Treuhänders, der sich seinerseits dauernd über Arthur Thaler beschwerte. Dieser wurde zwei Mal bei Gericht angezeigt, beide Male hatte er versucht, über Umwege zu Geld zu kommen. Zunächst musste er sich im Februar 1943 wegen verbotenen Umgangs mit Fremdarbeitern verantworten. Er hatte einem französischen Kriegsgefangenen in Steinfeld einen Huchen aus dem Fischwasser seines Besitzes verkauft und wurde dafür zu einer Geldstrafe von 200 RM verurteilt. Einen Monat später wurde nachgesetzt. Die Landesbauernschaft Kärnten zeigte ihn wegen Betrugs an. Thaler soll am Treuhänder vorbei Pacht für sein Fischereiwasser kassiert und Äpfel verkauft haben. Die Anzeige war in einem gehässigen Ton verfasst. Es heißt unter anderem: „A. Thaler wird von allen Seiten als notorischer Faulenzer geschildert. Es scheint dringend notwendig, gegen diesen mit schärfsten Mitteln einzuschreiten, zumal er (…) eine ordnungsgemäße Wirtschaftsführung durch den Treuhänder unmöglich macht.“

Arthur Thaler rechtfertigte sich im Verfahren damit, dass er vom Treuhänder keinerlei Geldmittel erhalten habe. Das Urteil lautete auf 3 Monate Haft, die aber wegen der angeschlagenen Gesundheit des Angeklagten (Nerven- und Herzschwäche, Schwerhörigkeit) aufgeschoben wurden. Die Anzeige der Landesbauernschaft ging auf Berichte des Treuhänders zurück. Auch der Ortsgruppenleiter schrieb mehrmals an die NSDAP-Kreisleitung bzw. die NS-Bauernbehörden. Eingeschaltet wurde auch das Arbeitsamt Spittal. Nachdem er sich, wie es heißt, gegen „Amtspersonen in der Gemeinde und von Seiten des Arbeitsamtes“ unbotmäßig verhalten hatte, wurde Arthur Thaler zumindest untertags von seinem Hof gewiesen und zu Knechtarbeiten auf einem Bauernhof in Greifenburg dienstverpflichtet. Arthur Thaler muss sich in einer verzweifelten Situation befunden haben. 1946 berichteten etliche Nachbarn, dass er sich bei ihnen über seine Behandlung beklagt und sich ausgeweint habe. Später bestätigten die meisten von ihnen die Schikanen, denen er ausgesetzt war.

Im Jahr 1944 quartierte die NSDAP auf dem Hof eine Frau aus dem „Altreich“ mit ihren drei Kindern ein, vermutlich eine ausgebombte Familie. Die Einquartierung erfolgte gegen Arthur Thalers Willen. Die Frau mischte sich in der Folge in den schwelenden Konflikt ein und stellte sich gegen ihn. Im September verlangte Arthur Thaler schließlich in einem scharfen Brief an den Ortsgruppenleiter ihren sofortigen Auszug.

Auch diese Beschwerde wurde an die Kreisleitung der NSDAP weitergeleitet. Und nicht nur das: Der Ortsgruppenleiter sprach im September 1944 persönlich bei der Gestapo Spittal vor. Davor hatte er bereits den Kreisleiter der NSDAP, Matthias Zmölnig, über den „Fall“ informiert. Gegenstand der Beschwerden war ein sogenanntes „asoziales“ Verhalten Arthur Thalers. Der Ortsgruppenleiter berichtete Zmölnig, dass er Thaler in den Jahren zuvor angesichts zahlreicher Beschwerden bereits mehrmals zu Abmahnungen vorgeladen habe – ohne Erfolg im Sinne des Ortsgruppenleiters. Zmölnig verwies den Ortsgruppenleiter an die Gestapo weiter. Es dauerte nicht lange, und Arthur Thaler erhielt eine Vorladung nach Spittal, entweder von der Kreisleitung der NSDAP oder von der Gestapo. Er leistete jedenfalls Folge, zurück kehrte er nicht mehr. Die Gestapo nahm ihn an diesem Tag, dem 28. September 1944, sofort in Haft.

Zunächst blieb Arthur Thaler etwa zwei Wochen in Spittal eingesperrt, wie der Mithäftling Josef von Ehrfeld 1946 bezeugte. Schließlich wurde er in das Gestapo-Gefängnis Klagenfurt überstellt. Ein Mithäftling in der Zelle 64 war der Villacher Kommunist Arnulf Raimund. Dies geht aus einem Kassiber hervor, den Raimund über seine Zellengenossen anfertigte, vor der Gestapo verbergen konnte und der schließlich aus dem Gefängnis geschmuggelt werden konnte. Das Schriftstück liegt im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien. Auf der Liste der Häftlinge findet sich auch der Name Arthur Thaler. In einem Begleitbrief zum Kassiber beschrieb Raimund einen Selbstmordversuch Arthur Thalers, der bereits von seiner bevorstehenden Einweisung in ein Arbeitserziehungslager erfahren hatte. Die Mithäftlinge konnten ihn durch langes Zureden vom Suizid abhalten, und so erlebte Arthur Thaler seine Überstellung in das KZ der Gestapo, das Arbeitserziehungslager Reichenau bei Innsbruck.

Arthur Thaler starb am 2. Jänner 1945 im Krankenhaus Seefeld in Tirol an den Folgen seiner Gefangenschaft. Er wurde nach Aussagen seines Mithäftlings Matthias O. in diesem Lager schwer misshandelt. Matthias O. schrieb im Mai 1946 an Else Funder, die Schwester von Arthur Thaler: „Wer diese Misshandlung von Ihrem armen Bruder gesehen hat, der konnte nur mehr den Eindruck davon nehmen, man will ihn auf der Stelle erschlagen. (…) Er hatte einen großen Abszess am Hals, den man mit zwei Händen kaum verdecken hätte können und er wurde aber nur mit einem Notverband verbunden und das nur mit Misshandlung. Geschlagen worden, das ist Herr Thaler mindestens 10 Mal am Tag, und er hatte auch ganz blaue Flecken am Leib.“

Else Funder sowie die Gendarmerie Greifenburg erstatteten 1946 Anzeigen gegen den Ortsgruppenleiter, den Treuhänder Sch. und den Ortsbauernführer wegen Misshandlung, Verletzung der Menschenwürde und Denunziation von Arthur Thaler. Der Ortsbauernführer hatte offenbar wenig mit der Geschichte zu tun. Die beiden anderen beteuerten in den Einvernahmen, dass sie nicht die Einweisung Arthur Thalers in ein Arbeitserziehungslager und schon gar nicht dessen Tod beabsichtigt hätten. Allerdings verteidigten sie ihre Maßnahmen gegen die angeblich unhaltbaren Zustände am Thaler-Hof. Sie wiesen jede Mitschuld an seinem Tod zurück. Alle Verfahren wurden eingestellt.

Quellen

Chronik der Gendarmerie Greifenburg 17858/8; DÖW 3693; KLA LGK 8VrE13/43; KLA LGK Vr 413/43; KLA LGK 22Vr2854/47; KLA LGK 21Vr3881/47; Gesprach mit Theo Thaler, 26.8.2005.

Literatur

Thomas Albrich: Ein KZ der Gestapo: Das Arbeitserziehungslager Reichenau bei Innsbruck, in: Klaus Eisterer (Hg.): Tirol zwischen Diktatur und Demokratie 1930-1950, Innsbruck 2002, S. 77-108.