„Es ist ein großer Tag für mich, der mich tief bewegt“, erklärte Christine Strobl-Oman am Samstag, 18. Mai, bei der gut besuchten Gedenk- und Befreiungsfeier für die NS-Opfer im Oberen Drautal in Greifenburg. Ihre Tante Theodora Oman wurde 1941 im Alter von 22 Jahren vom NS-Regime in der Vernichtungsanstalt Hartheim ermordet. Auf Initiative von Christine Strobl erweiterte der Verein aegide das Denkmal für die NS-Opfer in Greifenburg um eine Glastafel mit dem Namen und Lebensdaten der jungen Frau aus Oberdrauburg.


Zwei Schülerinnen der HLW Spittal, Anna Moritz und Lea Leitner, berichteten über das Schicksal von Theodora Oman. Die Tochter des Bahnvorstands und Ortsgruppenleiter der NSDAP von Oberdrauburg, Friedrich Oman, litt an Epilepsie. Diese Krankheit gehörte nach Ansicht der NS-Mediziner zu Erbkrankheiten, die das deutsche Volk schwächten. Wer an epileptischen Anfällen litt, galt deshalb nicht als zu behandelnder Patient, sondern als „Erbkranker“, der aus der Gesellschaft auszusondern war. Theodora Oman wurde in die Irrenanstalt Klagenfurt eingewiesen. Sie bat um ihre Herausnahme, entkam dem Vernichtungsplan der Nationalsozialisten aber nicht mehr.

Allein aus Kärnten ermordete das NS-Regime 1.350 kranke Menschen, die von Ärzten als „lebensunwert“ eingestuft wurden. Die meisten von ihnen wurden im Schloss Hartheim in einer Gaskammer erstickt. Während viele Täter der Medizinverbrechen nach 1945 weiterhin als Ärzte arbeiten konnten, litten Angehörige der Ermordeten an Scham- und Schuldgefühlen. So wurde der Massenmord zum gesellschaftlichen Tabu, zu einem Trauma, das weiterlebte, berichteten die Schülerinnen. Christine Strobl-Oman setzte sich in den vergangenen Jahren mit dem verschwiegenen Teil ihrer Familiengeschichte auseinander. „Mit der Glastafel auf dem Denkmal erhält meine Tante den ihr zustehenden Ehrenplatz“, so Christine Strobl-Oman in ihrer Ansprache vor den mehr als 100 BesucherInnen.

Die aktuelle Krise der Demokratie war ein wesentliches Thema der Veranstaltung und bei den Gesprächen unter den BesucherInnen. Erinnern ist Teil der Anstrengungen, die demokratische politische Kultur weiter zu entwickeln - angesichts der antidemokratischen Äußerungen führender Politiker der FPÖ umso wichtiger. Machtgeilheit, Korruptheit, Waffenvernarrtheit, der Wille politische Gegner abzuservieren und zugleich mit Verschwörungstheorien und Sündenböcken Anhänger zu ködern ist historisch gesehen ähnlich dem, wie die NSDAP in ihren Anfängen agierte. Obwohl es viele Warnungen gab, hat die ÖVP eine Regierung mit der FPÖ gebildet und trägt deshalb ebenso Verantwortung für die tiefste Vertrauenskrise in das demokratische politische Systems seit der Befreiung vom Nationalsozialismus. Nun geht es darum, dass sich Bürgerinnen und Bürger stärker für demokratische Werte einsetzen und sich an der politischen Auseinandersetzung um die Gestaltung des Gemeinwesens beteiligen.


Eine weitere Rede hielt die Historikerin Brigitte Entner. Sie sprach über das slowenische Dorf Zell/Sele, das besonders stark unter der NS-Verfolgung litt, aber auch Widerstand leistete. Neben Angehörigen von NS-Opfern nahmen der Bürgermeister von Berg Wolfgang Krenn, der Bürgermeister von Irschen Gottfried Mandler, Landtagsabgeordneter Alfred Tiefnig und eine Reihe von Gemeinderäten aus dem Oberen Drautal an der Veranstaltung teil. Die musikalischen Akzente setzte Rudolf Katholnig am Akkordeon.
(Fotos: Rudolf Profunser)