Der Verein aegide hat am Samstag, 25. Juli 2020, das Denkmal für die NS-Opfer im Oberen Drautal um Marinus Oosterom erweitert. An der Veranstaltung nahmen Angehörige aus den Niederlanden und der Historiker Arie Jan Meijer mit seiner Familie teil.

Der 22-järige Arbeiter Marinus Oosterom war im Februar 1943 aus seinem Heimatdorf Ouderkerk aan den IJssel zur Zwangsarbeit nach Berlin und dann nach Greifenburg verschleppt worden. In Greifenburg produzierte die Berliner Firma Thermo Technik zwischen 1943 und 1945 wärmetechnische Messgeräte für U-Boote. Die Betriebsanlagen waren mangehaft installiert. Im Juni 1944 erlitt Marinus Oosterom einen tödliche Stromschlag. Er wurde zwar in Greifenburg beerdigt, sein Grab wurde jedoch bald nach Kriegsende aufgelöst.
Im Dezember 2019 wandte sich der Historiker Arie Jan Meijer mit der Bitte um weitere Informationen zur Rüstungsproduktion und das (aufgelassene) Grab an den Verein aegide. In Rücksprache mit Angehörigen von Marinus Oosterom wurde beschlossen, seinen Namen in das Denkmal für die NS-Opfer im Oberen Drautal zu integrieren. Dies sollte gemeinsam mit Verwandten aus den Niederlanden bei der Befreiungsfeier am 18. Mai erfolgen. Wegen der Covid-Pandemie musste die Veranstaltung abgesagt werden.

Während eines Urlaubs von Angehörigen von Marinus Oosterom in Oberkärnten und des Historikers Arie Jan Meijer in der Steiermark wurde die Erweiterung des Denkmals nun im kleinen Rahmen vorgenommen. Bürgermeister Josef Brandner begrüßte die Familieangehörigen sowie Arie Meijer und seine Familie. Auf Wunsch der Angehörigen sprach außerdem der evangelische Pfarrer Peter Drost. Hans-Peter Profunser brachte gemeinsam mit der Cousine von Marinus Oosterom, Gerrie Middelkoop-Oosterom und seinem Neffen Piet Blonk die Gedenktafel an.
Österreichische und Kärntner Verantwortung
Die neutrale Niederlande wurde im Mai 1940 von NS-Deutschland angegriffen und besetzt. Für die Besatzungsherrschaft, Unterdrückung des Widerstands, Einführung der Zwangsarbeit, die Deportation der Juden und Jüdinnen in die Vernichtungslager und die Verschickung von Zwangsarbeiter nach Deutschland waren an zentraler Stelle Österreicher verantwortlich: An oberster Stelle Arthur Seyss-Inquart, der von Hitler zum Reichskommissar für die Niederlande ernannt wurde.
Die praktische Durchführung dieser massenhaften Gewalt gegen die niederländische Zivilbevölkerung oblag dem Höheren SS- und Polizeiführer in den Niederlanden, Hanns Albin Rauter. Es gibt viele Antworten auf die Frage, warum wir uns mit der NS-Gewalt in den Niederlanden beschäftigen sollten. Eine ist relativ einfach: Sie entsprang der hiesigen Gesellschaft. Hans Albin Rauter stammte aus Kärnten, aus Klagenfurt, und wurde hier politisch sozialisiert, im radikalen Deutschnationalismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Rauter war ein so genannte Abwehrkämpfer und ein früher Aktivist der Kärntner NSDAP.
Einer der 300.000 Zwangsarbeiter, die Rauter nach Deutschland schicken ließ, war Marinus Oosterom aus Ouderkerk aan der Ijssel.

Marinus Oosterom schrieb von Greifenburg aus zahlreiche Briefe an seine Verlobte und seine Familie in Holland. Die Briefe sind eine wertvolle Quelle zur Erforschung der Situation der ZwangsarbeiterInnen in der NS-Zeit. Zwei Schülerinnen der HLW Spittal, Sabrina Wabnig und Kerstin Pittino, beschäftigen sich nun im Rahmen ihrer Diplomarbeit mit dem Schicksal von Marinus Oosterom und der Geschichte der ZwangsarbeiterInnen im Oberen Drautal. Dafür interviewten sie in Greifenburg den Historiker Arie Jan Meijer.
Livestream und Medienberichte in den Niederlanden
Die Veranstaltung wurde per Livestream nach Ouderkerk aan den IJssel übertragen, wo etwa 50 Personen die Anbringung der Gedenktafel verfolgten. In den Niederlanden berichteten mehrere Medien über die Veranstaltung. Es erschienen Berichte in den Tageszeitungen Reformatorisch Dagblad, HetKontakt und auf der Webseitde des regionalen TV- und Radiosenders RTV Krimpenerwaard. Die Veranstaltung kann hier nachgesehen werden. Auch die Kleine Zeitung und der Oberkärntner Volltreffer berichteten.
18. Juli 2019 | 19.30 Uhr
Kultursaal Dellach/Gail
Spuren & Wege des Erinnerns an NS-Verbrechen in den Karnischen Alpen
Vortrag Michael Koschat | PDF
21. Juli 2019 | 7 Uhr
Weidenburg (Gailtal)
Wanderung zur 75. Gedenkfeier auf der Pramoser Alm / Malga di Pramosio | PDF
Beide Veranstaltungen in Kooperation mit erinnern gailtal und Hannes Guggenberger
„Es ist ein großer Tag für mich, der mich tief bewegt“, erklärte Christine Strobl-Oman am Samstag, 18. Mai, bei der gut besuchten Gedenk- und Befreiungsfeier für die NS-Opfer im Oberen Drautal in Greifenburg. Ihre Tante Theodora Oman wurde 1941 im Alter von 22 Jahren vom NS-Regime in der Vernichtungsanstalt Hartheim ermordet. Auf Initiative von Christine Strobl erweiterte der Verein aegide das Denkmal für die NS-Opfer in Greifenburg um eine Glastafel mit dem Namen und Lebensdaten der jungen Frau aus Oberdrauburg.


Zwei Schülerinnen der HLW Spittal, Anna Moritz und Lea Leitner, berichteten über das Schicksal von Theodora Oman. Die Tochter des Bahnvorstands und Ortsgruppenleiter der NSDAP von Oberdrauburg, Friedrich Oman, litt an Epilepsie. Diese Krankheit gehörte nach Ansicht der NS-Mediziner zu Erbkrankheiten, die das deutsche Volk schwächten. Wer an epileptischen Anfällen litt, galt deshalb nicht als zu behandelnder Patient, sondern als „Erbkranker“, der aus der Gesellschaft auszusondern war. Theodora Oman wurde in die Irrenanstalt Klagenfurt eingewiesen. Sie bat um ihre Herausnahme, entkam dem Vernichtungsplan der Nationalsozialisten aber nicht mehr.

Allein aus Kärnten ermordete das NS-Regime 1.350 kranke Menschen, die von Ärzten als „lebensunwert“ eingestuft wurden. Die meisten von ihnen wurden im Schloss Hartheim in einer Gaskammer erstickt. Während viele Täter der Medizinverbrechen nach 1945 weiterhin als Ärzte arbeiten konnten, litten Angehörige der Ermordeten an Scham- und Schuldgefühlen. So wurde der Massenmord zum gesellschaftlichen Tabu, zu einem Trauma, das weiterlebte, berichteten die Schülerinnen. Christine Strobl-Oman setzte sich in den vergangenen Jahren mit dem verschwiegenen Teil ihrer Familiengeschichte auseinander. „Mit der Glastafel auf dem Denkmal erhält meine Tante den ihr zustehenden Ehrenplatz“, so Christine Strobl-Oman in ihrer Ansprache vor den mehr als 100 BesucherInnen.

Die aktuelle Krise der Demokratie war ein wesentliches Thema der Veranstaltung und bei den Gesprächen unter den BesucherInnen. Erinnern ist Teil der Anstrengungen, die demokratische politische Kultur weiter zu entwickeln - angesichts der antidemokratischen Äußerungen führender Politiker der FPÖ umso wichtiger. Machtgeilheit, Korruptheit, Waffenvernarrtheit, der Wille politische Gegner abzuservieren und zugleich mit Verschwörungstheorien und Sündenböcken Anhänger zu ködern ist historisch gesehen ähnlich dem, wie die NSDAP in ihren Anfängen agierte. Obwohl es viele Warnungen gab, hat die ÖVP eine Regierung mit der FPÖ gebildet und trägt deshalb ebenso Verantwortung für die tiefste Vertrauenskrise in das demokratische politische Systems seit der Befreiung vom Nationalsozialismus. Nun geht es darum, dass sich Bürgerinnen und Bürger stärker für demokratische Werte einsetzen und sich an der politischen Auseinandersetzung um die Gestaltung des Gemeinwesens beteiligen.


Eine weitere Rede hielt die Historikerin Brigitte Entner. Sie sprach über das slowenische Dorf Zell/Sele, das besonders stark unter der NS-Verfolgung litt, aber auch Widerstand leistete. Neben Angehörigen von NS-Opfern nahmen der Bürgermeister von Berg Wolfgang Krenn, der Bürgermeister von Irschen Gottfried Mandler, Landtagsabgeordneter Alfred Tiefnig und eine Reihe von Gemeinderäten aus dem Oberen Drautal an der Veranstaltung teil. Die musikalischen Akzente setzte Rudolf Katholnig am Akkordeon.
(Fotos: Rudolf Profunser)

Programm | Einladung (Download)
Erweiterung des Denkmals
Gedenklade für Theodora Maria Oman (geb. 1918 in Villach, wohnhaft in Oberdrauburg). Die Tochter des Bahnvorstandes und Ortsgruppenleiters der NSDAP in Oberdrauburg Friedrich Oman wurde 1938 wegen Epilepsie in die "Irrenanstalt" Klagenfurt eingewiesen und 1941 im Schloss Hartheim ermordet.
Szenische Lesung zu Theodora Maria Oman
SchülerInnen der HLW Spittal/Drau und Chrstine Strobl-Oman
Rede
"Was der Mensch alles erlebt!"
Die Historikerin Brigitte Entner (Universität Klagenfurt) über Widerstand und Verfolgung im Dorf Zell/Sele
Musik
Rudolf Katholnig (Akkordeon)
Am Samstag, 11. August 2018 fand in der Kirche Gorenja Trebuša eine Gedenkveranstaltung für die Widerstandskämpfer Hubert Mayr, Georg Dereatti und Rudolf Moser statt, die Ivo Jevnikar, Journalist und Autor aus Triest in Abstimmung mit Martin Mayr, dem Bruder von Hubert Mayr, und dem Verein aegide organisiert hat.
Hubert Mayr, Georg Dereatti und Rudolf Moser waren nach ihrer Widerstandstätigkeit in Kooperation mit britischen Offizieren der Special Operations Executive (SOE) im Sommer/Herbst 1944 im Raum Friaul/Oberkärnten/Osttirol vor der Kärntner Gestapo zu den slowenischen Partisanen geflüchtet. Etliche ihre Mitkämpfer wie Stefan Hassler aus Dellach/Drau waren von Nationalsozialisten erschossen oder in KZ deportiert worden. In Slowenien wurden Mayr, Dereatti und Moser aber nicht - wie verlangt - britischen Verbindungsoffizieren übergeben, sondern von der jugoslawischen Geheimpolizei OZNA festgenommen, verhört und allen Indizien zu Folge in Gorenja Trebuša getötet (siehe dazu den Text hier)
An der Gedenkmesse nahmen Einheimischen aus Gorenja Trebuša teil. Ansprachen hielten Martin Mayr, Ivo Jevnikar und Peter Pirker für den Verein aegide.
Ein Bericht über die Veranstaltung erschien in der Zeitschrift Družina.